Cornelia Mohrs Stillleben-
oder
Vom Kosmos der Phantasie zur Erweiterung der Wirklichkeit

Als die Vögel die von Zeuxis täuschend echt gemalten Weintrauben auf zu picken versuchten, war er sich seines Sieges sicher. So drang er darauf, den Vorhang über dem Bild seines Widersachers Parrhasios weg zu schieben, um dessen Bild beurteilen zu können. Allein der Vorhang war gemalt – und Parrhasios obsiegte – so zumindest schildert es Plinius. Illusion und Wirklichkeit waren ununterscheidbar geworden.

Es waren freilich nicht allein die Alten Griechen, denen wir die Idee des “Stilllebens” verdanken, schon viel früher, in Ägypten, Indien, China etc. wurde die in ihre Einzelteile zerlegte Welt, die Alltagswirklichkeit, in nachahmender, oft auch in interpretierender Weise wieder zu geben versucht – das Stillleben, von dem als autonomes Kunstwerk seit 1600 die Rede ist und dessen Blütezeit in das 17. und 18. Jahrhundert fiel, blieb bis heute ein integrierender Bestandteil der Malerei, auch der abstrakten.

Die in den Kunst- und Wunderkammern der Renaissance versammelten wunderbaren, kunstvollen, technischen oder exotischen Objekte waren gleichsam die dreidimensionalen Entsprechungen der Stilllebenmalerei, die in ihrer Anordnung nach Material, Farbe, Größe oder Herkunft einen Mikrokosmos unserer Welt darzustellen versuchten – und bisweilen von illusionistischen Umrahmungen etwa in Form eingelegter Intarsien oder Stilllebenmosaiken ergänzt wurden. Immer ging es darum, die unfassbare aber bewunderte Vielfalt und Mannigfaltigkeit unserer Welt, ja des ganzen Kosmos zu veranschaulichen.
Die in den Sujets der Stilllebenmalerei versammelte und abgebildete Welt war eine Welt der leblosen, vergänglichen Dinge, die in Gruppen und nach Sujets geordnet – Blumen, Früchte, Speisen, Meeresdinge, Gefäße, Skulpturen etc. – an die Vergänglichkeit der Natur aber auch des menschlichen Daseins überhaupt erinnern sollten. Die Darstellung des Menschen blieb ausgespart, war dem Konzept des die Vergänglichkeit aber auch Schönheit der Welt am Beispiel ihrer Dinglichkeit präsentierenden Naturstilllebens im weitesten Sinn untergeordnet.

Und nun die Stillleben der Cornelia Mohr! In ihnen ist nicht nur die Alltagswirklichkeit in allen ihren Spielarten, wie wir wir sie aus den “traditionellen” Stillleben kennen, vertreten, sondern ihr Kosmos ist in vielfacher Weise – in thematischer, zeitlicher und figuraler Hinsicht – erweitert und bereichert. Ihre Welt löst sich auf in ein buntes Mit – und Nebeneinander unterschiedlichster Komponenten, spielerischer Elemente oder bunter Mosaiksteine, die jeweils in einem besonderen Spannungsverhältnis zu einander stehen. Deren Sinnzusammenhang zu beobachten oder herauszufinden wird bisweilen erleichtert oder auch erschwert durch collageartig hinzu gefügte Betextungen. Ihre Bilder fordern den Betrachter auf vielfältige Weise heraus, sich in das figurale Gefüge der Bilder hinein zu denken, die von ihnen vermittelte Bild- und Textelemente in Zusammenhang zu bringen und sich an der oftmals humorvollen aber immer hintersinnigen Weltsicht zu erfreuen.
Zu den beliebtesten, das historische Stilllebenrepertoire übersteigenden Sujets zählen verschiedenste, phantasievoll ausgestaltete Tierdarstellungen – etwa von Hunden, Elefanten, Stieren, Löwen, Käfern – vor allem aber auch von koboldhaften, an Trolle, Kobolde, Außerirdische, Statuen erinnernde Figuren (Papierflieger, Bogenschützen, junge Frauen, Masken, Totenschädel, etc.), die als lebendige Bewohner des Mohr’schen
Kosmos ihre Stillleben zu einem Tummelplatz unterschiedlichster Leidenschaften und Erlebnisse machen! In ihnen geht es nicht mehr um das Abbild der Wirklichkeit, unseres grauen Alltags, sondern um die hintergründige, von einem bunten Netzwerk unterschiedlichster Beziehungen bestimmten Phantasiewelt. Ihre “Stillen Mitbewohner”, wie die zahlreichen Figuren, Masken, Phantasiewesen von Mohr selbst bezeichnet werden, erfüllen die bunte aber geheimnisvolle Alltagswelt mit Leben, treiben Schabernack oder bevölkern mit Lust und Laune die Spielwiesen uns verborgen bleibender Lebensweisen. Die subtile, aber dennoch von kräftigen Farbflächen gekennzeichnete Malweise schafft einen dichten, bisweilen dreidimensional wirkenden Raum einer von Kraft und starkem Bildwollen gekennzeichneten bildnerischen Auseinandersetzung mit der Welt der Träume und Phantasien, die niemals getrennt gedacht werden kann von jener der sogenannten Wirklichkeit. In ihrem Bild “Die Vielverwandten” zeigt sich die Doppelansichtigkeit ihrer Bilder besonders deutlich, unterstützt von einem längeren Texteinschub: Die schöne Elvira, aus Meerschaum bzw. einer Muschel entsprungen , hält hoch die leuchtende Fackel, die das Dunkel vertreibt. Doch der afrikanische Elefant hält der Schaumgeborenen einen Spiegel vor:
Ein Fischgesicht mit Flossen….

Die schalkhaft- hintergründige Weltsicht der Mohr’schen Stillleben ergibt einen Kosmos einer bilderreichen Phantasiewelt, in die man manchmal geradezu eindringen möchte, um an den dort angedeuteten oder zu vermutenden Geheimnissen, Freuden(?) oder Abenteuern teilzuhaben. Ob Mischtechnik, Öl, Collage oder Zeichnung – Cornelia Mohr beherrscht die Kunst der Bilddarstellung in bewundernswerter Weise.
Ergänzt wird dieser Teil ihres künstlerischen Schaffens durch aus Metall, Holz oder Pappmaché gestaltete Skulpturen – dreidimensionale Umsetzungen ihrer Bilder, die es ermöglichen, den Einzelelementen ihrer Kompositionen noch besser auf den Grund zu gehen.
Das Stillleben hat eine lange Geschichte, war und ist gekennzeichnet von unterschiedlichen Entwicklungen und Lösungen. Mit den Arbeiten von Cornelia Mohr
hat sie eine humorvolle aber deswegen nicht weniger tiefgründige Erweiterung erfahren, die zur Betrachtung anregt und dem Betrachter, aus welchem Blickwinkel auch immer, einfach Freude macht!

Prof.Dr. Wilfried Seipel
Generaldirektor i.R. Kunsthistorisches Museum
Wien, 2012

Text als Download:
Der Mohr’sche Kosmos