Über ́s Natürliche – De Naturalia

Gedanken und Behauptungen

von Cornelia Mohr

Eine Annäherung an die Natur

Mit vielen Fragen, wenigen Antworten, einer langen, sympathischen Auflistung und emotionaler Schlusssequenz.

Als Herr(in) die wilde Natur im Hosensack verwahrend, immer bewusst, sie jederzeit bzw. doch zumindest zur rechten Zeit heraus nehmen und in öffentlicher Vertrautheit miteinander auftreten zu können, sie zu hinterfragen und erklärbarer zu machen, das ist wohl einer der vielen unzählbaren Gründe, warum sich besonders in der bildenden Kunst, wie im Leben sowieso, immer wieder mit ihr, der Natur, auseinander gesetzt und beschäftigt wird.

Der Mensch drängt zur Natur, da er selbst aus ihr stammt; und um diesen enormen Kosmos zu verstehen, wird er (eben jener Kosmos) in einzelne Teile geteilt, und dann noch einmal, und wieder, und dann noch einmal in kleinere Teile, und zum Schluss in allerkleinste Teile. Sie, die kleinsten Teile, bekommen Namen und Eigenschaften zugeordnet, ihre Farben und Formen werden interpretiert, ihr Verhaltensmuster ergründet und dokumentiert. Dies ist die Geburtsstunde von langen Listen, Zettelchen und Fußnoten, verwahrt in Kästchen und Dosen in Archiven und auf Stellagen, präsentiert in Katalogen und auf Vortragsreihen.

In diesen allerkleinsten Teilen kann der Mensch sich wiedererkennen und beginnt zu begreifen und zu verstehen. Zumindest kann er sich nun einiges vorstellen.

Das macht dem Menschen unheimlichen Spaß, da er sich insgeheim als Schöpfer sieht, obwohl die Dinge – die Naturalien, die wortwörtlich natürlichen Dinge (oder noch besser Alles aus der Natur stammende) – ja bereits zum Zeitpunkt seiner fantasievollen Tätigkeit existieren, ganz mit oder ohne Namen, ganz mit oder ohne Interpretationen – und auch schon vor ihm existierten. Wie er selbst übrigens auch zur selben Zeit seiner kreativen Tätigkeit bereits vorhanden ist und davor schon (vorhanden) war.

Und ob Wissenschaftler, Künstler oder Tagedieb, die Erklärung der Natur bleibt immer eine individuelle, nämlich eine auf der eigenen Gefühls- und Verstandeswelt basierende und in Ermangelung von Mehrfachkörperlichkeit gar nicht anders könnende.

(jetzt fängt die Auflistung an:)
So entstehen Begriffe wie Stillleben, wunderschöner Schmetterling, Gesträuch oder hmmh, Maroni. Auch interessant: Kaktus mein Liebling und Zweiter Fuß etwas komisch.

Das Latein macht sich wichtig und drängt zum Titel, oft in weiteren Sprachen zur Erklärung, einen Hauch von wissenschaftlicher Bildung suggerierend. Farben unterstützen die Formen, da in der Natur ja bekanntlich fast nichts schwarzweiß ist. Vordergründe widmen sich meist den abzubildenden Spezies, während Schwung und Dynamik in Berahmungen und Hervorhebungen gelegt werden.

Hintergründe bleiben schlicht und einfach spannend, wie eigentlich immer. Sie erzählen eigene Geschichten. Dazu die einzelnen Charaktere: Fische tummeln sich neben Bodenwürmern, Raupen und Insekten. Felliges hat denselben Anspruch wie Flügelbesitzer und Stachelwesen behaupten sich neben Nacktmodellen. Überhaupt herrscht ein ordentliches Wirrwarr mit all dem Über- und Nebeneinander. So müssen oft Hinweispfeile und Platzhalter Ordnung schaffen und die bereits genannten Rahmen die schier überbordende Natur zusammenhalten. Blätter sind treue Wegbegleiter, ob als Darstellung einer wunderschönen Pflanzenform oder als praktikabler Zeichenträger. Der blaue Himmel darf niemals vergessen werden, denn er ist der optische Ruhepol inmitten der sich darinnen und darunter befindlichen Wuselei (auch ein netter, ansprechender Ausdruck für die natürlichen Dinge – zumindest nach dem Geschmack der Textschreiberin). Sinnige Formeln wie Fliegen
= Fortbewegung verkürzen lange Texte und machen Platz für Wichtigeres, zum Beispiel aufgeklebte Bildchen, welche den Kosmos in sich vereinen.

Fantasiewesen, unbedingt, wie auch Schatten, Licht und Nasenbären. Ebenso Menschengesichter, mit oder ohne Haut, Statuen gegenüber gestellt, überzogen mit schönem, glattem Marmor. Skelette, Gräten und Gerippe, Federn und Stöckelschuhe, rosa Fleisch und Schuppenartige. Ess- und Trinkbares, bereits im engen Visier von Übergeordneten. Pflanzenformen, so vielfältig und fantasiereich wie die
Schnörkel der im Hintergrund verschwindenden Schriften. Umrahmte Felder und schwungvolle Unterstreichungen. Das Auge zur Orientierung und ein großer Buchstabe als natürliche Initiale. Was für eine lange, sympathische Auflistung!

Nun könnte zusätzlich gefragt werden, was sich die Natur denn dabei denkt, über eben diese kreative Anhängselei des Menschen. Wesentlich älter und erfahrener steht sie offensichtlich über den Kleinteiligkeiten menschlicher Bemühungen und wird wohl imstande sein, alles mit schönem Überblick beurteilen zu können.

Gefällt es ihr? Ist sie angetan, mit Witz und Charme aufs Blatt geklebt zu werden, versehen mit Benennungen und Hinweispfeilen? Fühlt sie sich geschmeichelt, Hauptakteurin im Spiel mit Papier, Farbe und Stift zu sein? Kommt es ihrem Wesen entgegen, gekritzelt, zerstochert und Federnaufgespießt erklärbar gemacht zu werden? Fühlt sie sich geehrt, als wissenschaftliche Abhandlung zwischen Buchdeckel und in Bibliotheken verweilen zu dürfen? Oder ist es ihr schlicht und einfach egal?

Diese Fragen liefern natürlich hervorragendes Arbeitsmaterial für fortwährendes Schaffen und Erschaffen – und daher gibt es sie wohl auch (die Fragen), sie sind sozusagen ihr eigener Beweis:

denn ihre nicht eindeutige Beantwortbarkeit liefert den Individuen die Vollmacht weiter werkeln zu dürfen, womit auch immer sie sich gerade beschäftigen. Diese Beschäftigung, Auseinandersetzung als Möglichkeit einer Antwort sozusagen, dient dem Menschen als Schutz vor der Unendlichkeit des Nichtverstehens – zusätzlich natürlich auch begründet auf der Eitelkeit des Menschen, sich selbst und seine Umwelt verewigen zu wollen, ob in Farbe oder Schrift. (oder in bescheidenen Texten wie diesem zum Beispiel).

Und die kleinen natürlichen Dinge helfen ihm, dem Schaffenden, dabei: da er sie versteht oder zumindest zu verstehen glaubt. Und wenn nicht, interpretiert er sie eben.

Die kleinen natürlichen Dinge sind auf Niveau des Menschen, Freunde im unendlichen Kosmos und Partner im sich erklärenden Spiel des Vorhandenseins.

Sie leisten Gesellschaft im Alltag des Daseins, begleiten mit vornehmer Zurückhaltung und als liebevolles Detail.

Sie sind Hauptdarsteller und Teil künstlerischer Höhenflüge, finden sich im buntschillernden Größenwahn und garantieren die Selbstverständlichkeit der Kreativität.

Die kleinen natürlichen Dinge sind ganz einfach toll.

Cornelia Mohr, 2013

Text als Download:
De Naturalia – Gedanken und Behauptungen