Das Jahr und seine zweiundfünfzig Wochen

Es gibt zwischen Himmel und Erde eigentlich nichts, was es nicht gibt. So denken wir. Aber haben wir wirklich schon alles erforscht? Sicher ist da doch noch etwas. Zumindest macht sich Cornelia Mohr auf den Weg das zu suchen, von dem man noch nichts weiss. Dieser Weg ist für die Künstlerin ein heiter-ernstes Spiel, das ums Beobachten, Erfahren und Erkennen geht, und so hat sie sich auf die Suche nach der Zeit gemacht, und hat dafür das Jahr gewählt.

Ein Jahr zerfällt in dreihundertfünfundsechzig Tage, in zwölf Monate und in zweiundfünfzig Wochen. Was sagen uns diese zweiundfünfzig Wochen? Was erleben wir in dieser Zeit? Wie verändert sich das allgemeine, aber vor allem unser persönliches Tun und Lassen im Laufe eines Jahres, das mit dem ersten Januar beginnt und dem einunddreißigsten Dezember endet? Jedes Jahr aufs Neue – immer gleich. Immer gleich auch der Rhythmus der Jahreszeiten: freuen wir uns im Winter auf den Frühling mit der erwachenden Natur, mit Vogelgezwitscher und blühenden Bäumen, so freuen wir uns auf den Sommer, mit Sonne und Badevergnügen, sind im Herbst bezaubert von den bunten Wäldern und den Früchten der Natur, um dann den Winter als Ruhe und Stille zu begreifen. Nicht nur die Natur ruht aus – auch die Menschen sollten das tun.

Aber wir haben verlernt unser Verhalten in diesen vier Jahreszeiten kritisch und analytisch zu beobachten, die Gesetzmäßigkeit der Natur auch auf uns Menschen zu beziehen. Das mangelnde Sonnenlicht ersetzen wir mit Elektrizität, die schöne Sommerzeit mit Autofahren, die Ruhe mit Einkaufshektik und Geschäftigkeit. Bei diesen mehr oder weniger abstrakten Überlegungen setzt Cornelia Mohr mit ihren Bildern ein. Sie erzählt Woche für Woche eine Geschichte der Natur, und für sie ist Natur alles, was sich auf diesem Planeten so tummelt und was, von wem auch immer, in sechs Tagen erschaffen wurde. (Den siebten Tag der Ruhe haben wir ja schon abgeschafft in unserer Unrast und Lebensgier).

Genau diese Frage nach der Gesetzmäßigkeit der Natur, wie wir damit umgehen, wie wir sie nutzen oder missbrauchen, ist die spannende Frage, die sich Cornelia Mohr gestellt hat und die sie auf ihre Weise, nämlich mit ihren Bildern, beantwortet. Sie hat die 52 Wochen in 52 Bilder verwandelt, mit allen möglichen Geschichten, die sie erzählt und die sie dem Betrachter anbietet, er kann sie weiter erzählen nach seiner Phantasie – die Geschichten sind ja nie zuende erzählt, manches lässt die Künstlerin offen. Vielleicht nach dem Motto: „ich will für mich Freiheit und Ungebundenheit, aber ich setze das auch bei dem Betrachter voraus. Die können ja zu meinen Geschichten ihre eigenen erzählen“. Es versteht ja sowieso jeder etwas anderes. Wenn der eine meint eine Liebesgeschichte zu sehen, sieht der andere vielleicht einen Kampf, wenn der eine eine bunte Blumenwiese erkennt, sieht der andere die Wühlmaus. Dieses offene Angebot zum Erkennen der Welt macht Cornelia Mohr dem Betrachter. Das kann allemal zum ästhetischen Vergnügen dienen, aber auch zur Verwirrung. Eine Botschaft, findet sie, ist nicht wichtig, sie „liefert Eckpunkte“, die sie in den Kopf des Betrachters setzt. Soll er doch sehen, wie er, oder sie, damit zurande kommt! Eine Art von heiter-ironischem Brainwashing?

Die Arbeit von Cornelia Mohr ist aber nicht nur ein Angebot an den Betrachter ihrer Kunst, sondern ist zunächst eine Art Zwiegespräch mit dem Blatt Papier, mit den Farben, mit den Themen. Irgendwo fängt sie an, mit einer Beobachtung, einer Figur, einem Tier, einer Erinnerung, einem Traum, einer Sehnsucht und dann kommt ein Zweites dazu, ein Drittes, das Blatt wird immer dichter, die Geschichte immer intensiver und schliesslich ist die Woche erzählt. Mit all dem, was sich einerseits vielleich tatsächlich ereignet hat, aber noch viel mehr mit den Phantasien, die sich während dem Zeichnen und Malen fast von selbst einstellen und mitgeteilt werden wollen. Nicht nur Woche für Woche, sondern Tag für Tag. Die Ideen stehen sozusagen Schlange und wollen auf das Blatt, nicht nur die Figuren und Tiere, auch die Pflanzen, die Blätter und Blüten, das Gestrüpp – alles eben, was so zur ernsthaften, aber auch zur heiteren, humorvollen, aber durchaus ernst gemeinten Geschichte gehört. Die Malerin sagt dazu: „es soll schalkhaft sein“, und ein Strahlen blitzt dabei in ihren schönen Augen. Und sie findet „die kleinen natürlichen Dinge sind einfach toll“.

Wie entstehen die Figuren und ihre Umgebung? „Durch den Raum, der zur Verfügung steht“. Cornelia Mohr sagt das, als würde sie von jemandem Fremden reden, denn eigentlich gibt ja sie den Raum vor. Oder doch nicht? Nein, denkt man plötzlich, denn ein gewisses Mass an Unbewusstheit ist bei der Malerei dabei, eine Art meditatives Tun, das sich dem Bewusstsein entzieht, weil sich das Bild selbstständig gemacht hat – das ist ja der ganz eigene Zauber der künstlerischen Arbeit, dass der Künstler mit dem Papier oder der Leinwand kommuniziert. Man spürt bei Cornelia Mohr, dass sie fragt und das Blatt antwortet. Kein Konzept, keine Vorzeichnung hindert die Komposition, es ist ja „nur“ eine Idee, die sie hat, sagt sie. Mal ist die Vorlage auch ein Bild, ein Foto, das sie collagiert und dazu wird dann nach weiteren Begleitern gefahndet. Anregungen sucht Cornelia Mohr in ihren eigenen Notizbüchern, aber vor allem in Museen, wie dem Kunsthistorischen und Naturhistorischen beispielsweise. Sie interessiert sich für Biologie und Zoologie, also eigentlich für alles Vegetative, vom Fisch bis zum Urwald. Und aus diesem Konglomerat entstehen dann die Wochenbilder. Keine thematische Richtung, keine Botschaft, sondern Teile eines Ganzen, das sich beim Durchblättern der Bilder ergibt.

Und weil es noch nicht genug ist, was sich auf dem Bild abspielt, mit den ungezählten Formen, Figuren und den bunten Farben, schreibt sie noch Texte dazu. Oftmals kann man sie kaum lesen, nur wenn man sich große Mühe gibt, entziffert man Inhalt und Sinn. Aber obwohl sie, wie sie sagt, die Schrift ernst nimmt und sie für ihre Bilder wichtig ist, meint sie doch, dass sie einen „untergeordneten Charakter“ aufweist, mehr „Hintergrundfunktion“ hat. Oder meint sie das dann doch wieder „schalkhaft“? – ein Adjektiv, das sie gerne für sich und ihre Bilder verwendet. So ganz lässt sie sich nicht in ihre Wunderwelt schauen, manches muss man erraten, der Betrachter muss sich einlassen auf diese zweiundfünfzig Wochen mit dem bunten Weltengetümmel aus Tieren, Figuren, Pflanzen, ihren manchmal „flotten Sprüchen“ und „leichtfüßigen Behauptungen“. Eine magische Welt der übermütigen Phantasie und der klugen Beobachtung.

Prof. Angelica Bäumer
Autorin und Kulturjournalistin
Wien, 2014

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